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Anders Breivik und die Schuld
Sonntag, den 04. Dezember 2011 um 08:28 Uhr

Leserbrief an das Hamburger Abendblatt

Am 29.11.2011 wurde in allen Medien berichtet, dass Anders Breivik, der Mehrfach-Attentäter aus Norwegen, möglicherweise trotz 77 Morden nicht schuldfähig sei, weil er an einer schizophrenen Psychose leidet. Unzurechnungsfähig, obwohl er alles sorgfältig plante, nationalistisch begründete und dokumentierte?

Ich kenne Herrn Breivik und das Gutachten nicht, dafür viele Menschen mit Psychose-Erfahrung. Auf diesem Hintergrund drei Anmerkungen:

Wer psychotisch war/ist, ist deshalb nicht unbedingt und generell unverantwortlich oder schuldunfähig, die meisten sind überwiegend sehr sensibel und haben sehr feine Antennen für andere.

Ganz allgemein sind Menschen mit und ohne Psychosen nahezu gleich viel oder wenig kriminell – allerdings mit Unterschieden bei der Art der Delikte.

Vor allem aber: Sollte Herr Breivik krankheitsbedingt tatsächlich nicht schuldfähig sein – mit welcher Diagnose auch immer –, schließt das die Mitschuld anderer nicht aus: Mit oder ohne Erkrankung handelte er in einem politischen Zusammenhang; er nahm die faschistische Ideologie auf, beruft sich immer noch auf bestimmte Texte und Autoren. Er nahm sie wörtlich, folgte ihrer Intention – vielleicht krankheitsbedingt ungehemmter in seinen Handlungen; der Ideologie hält er dennoch den Spiegel vor. Insofern bleibt Schuld.

Prof. Dr. Thomas Bock

Leiter der Spezialambulanz für Psychosen und Bipolare Störungen im Universitätsklinikum Hamburg-Eppendorf

Zuletzt aktualisiert am Sonntag, den 04. Dezember 2011 um 08:46 Uhr
 
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